Jean Starobinski: Psychanalyse et connaissance littéraire

Universität Tübingen
Romanisches Seminar
Proseminar Einführung in die französische Literaturwissenschaft
WS 1998/99
Dozent: Dr. Max Grosse

Jean Starobinski: Psychanalyse et connaissance littéraire

(Starobinski, Jean: "Psychanalyse et connaissance littéraire", in: L'oeil vivant II. La relation critique, Paris: Gallimard 1970, S. 257–285)

In diesem Vortrag aus dem Jahr 1964 beschäftigt sich Jean Starobinski mit dem Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Literatur. Erstmals kommt die Psychoanalyse 1907 mit der Literatur in Berührung, als Sigmund Freud seine Methoden an Wilhelm Jensens "Gradiva" anwendet, um auch außerhalb des klinischen Bereichs neue Beweise für seine Ideen zu finden. Freuds Theorien sind einerseits vom Darwinismus beeinflußt, andererseits aber auch von der Vorstellung vom Unbewußten, so daß seine nachromantisch-positivistische Sicht erkenntnistheoretischen Optimismus und Pessimus aufgrund der Erkenntnis der Triebe verbindet. Bestrebt eben diesen Trieben die Gier zu nehmen, will er sie so umformen, daß der Mensch eine Einheit aus Wissen und Lebensenergie bildet: Bei der Befriedigung seiner Grundbedürfnisse soll dem Menschen geholfen werden, sich zu verändern und über die niedrigen Bedürfnisse zu erheben, um ihnen so die Gier zu nehmen und die Welt wirklich zu zivilisieren.

Die Literatur unterzieht Freud einer positivistischen und rationalistischen Lesart, um sich seinen wissenschaftlichen Standpunkt zu bewahren. Sein Ziel ist es, mit den von ihm entwickelten Methoden das Unbewußte, das die Künstler entdeckt haben, zu untersuchen. Der Dichter liefert mit seinem von Wünschen durchsetzten Werk dem Psychoanalytiker Material. Die darin gefundenen Phänomene führen zu einer Erweiterung des psychoanalytischen Wortschatzes durch Begriffe aus dem mythologischen Bereich. Da sich die Worte des Dichters zwischen dem Wissenschaftler und dem Reich der Natur befinden, wird der Dichter als eine Art Tagträumer zu einem Vermittler zwischen Wissen und Trieb. Er ist somit eine Stimme der Natur, und Freud erhält die Legitimation, bei der Untersuchung eines Werks vermeintlich naturwissenschaftliche Methoden anzuwenden. Die Psychoanalyse hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Symbole eines Traums oder die Stilfiguren eines literarischen Werks in eine wörtliche Sprache zu übertragen, um so die Begierde dahinter zu erkennen. Aus dem Unbewußten soll Bewußtes gewonnen werden. Für Freud ist die Kunst nur als Ausdruck eines Wunsches. Durch seine Flucht in eine Phantasiewelt erlangt der Künstler indirekt die Befriedigung, die er in der Realität nicht bekommen kann.

Die Psychoanalyse will zwar eine Abhandlung der Vernunft sein, da sie aber während ihres Entstehens viele Begriffe der Literatur entliehen hat, ist sie selbst eine mythische Sprache. Laut Freud kann nur diese bilderbehaftete Metasprache psychologische Vorgänge erfassen und beschreiben. Die Psychoanalyse steht und fällt demnach mit ihrem Untersuchungsinstrument, und der Psychoanalytiker befindet sich auf einer Gratwanderung zwischen einem einengenden rationalistischem Objektivismus und einer metaphorischen Sprache. Daraus ergibt sich für Starobinski die Frage, ob nicht die untersuchten Phänomene erst bei der Ausarbeitung der psychoanalytischen Theorien entstanden sind.

Dennoch weiß er die Technik der Exegese der Psychoanalyse zu schätzen, bei der der Analytiker zunächst nur die Grundinformationen empfängt, die sich durch ständige Aufmerksamkeit allmählich zu einem Netz zusammenfügen. Die Psychoanalyse wirft ein neues Licht auf die Beziehungen von Werk und Leben, denn sie sieht beide, da sie von einem Wunsch zeugen, als eine Einheit. Da das Werk nun nicht mehr durch das Leben erklärt werden kann, versucht sie rückwärtsschreitend die Symbole zu entziffern, um so die zugrundeliegende Erfahrung zu erhellen. Laut Starobinski erhält dadurch zwar alles Sinn - letztendlich kann der Psychoanalytiker aber nur von der Persönlichkeit des Dichters und seinen Motiven sprechen, aber nicht vom Wesen des Werks selbst.

Starobinski plädiert deshalb dafür, das Symbol nicht aufzulösen, weil sich das gesuchte Verborgene nicht hinter sondern implizit im Text befindet. Man kann also nicht wie bei der Traumdeutung das Latente dem Manifesten vorziehen. Erst auf diese Weise ergibt sich eine vollständige Interpretation, die das Werk nicht als einen Abschluß, sondern als einen Augenblick der Gegenwart versteht, in der der Dichter mit Hilfe seiner Vergangenheit eine Zukunft erfindet.

Abschließend fragt sich Starobinski, ob man am Ende einer Analyse auch zu einem Verständnis gelangt ist. Er beantwortet die Frage damit, daß ein endgültiges Verständnis zwar nicht ausgeschlossen ist, man aber erst nach und nach durch Experimentieren die Erkenntnisse zusammenfügen kann. Bei der Überlegung, ob es eine Grenze des Geheimnisses gibt, antwortet er nicht direkt, sondern fordert Literaturwissenschaftler wie auch Psychoanalytiker auf, stets wie Psyche einen liebenden Blick auf das zu untersuchende Objekt zu werfen und nicht wie Aktäon einen schlichtweg indiskreten.