Kaiserzeitliche Porträts

(aus: Tonio Hölscher, Klassische Archäologie. Grundwissen, Darmstadt 2002 S. 247–257)

Bildnistypen

  • ganz neue Voraussetzungen für Produktion
  • zunehmende Präsenz des Herrschers im öffentlichen Leben aller Städte des Reichs
  • Bildnis ist Repräsentant des Herrschers, bei dessen Sturz wird auch das Bild zerstört (damnatio memoriae)
  • rasche Fertigung war vonnöten, Einzelherstellung unmöglich → wenige Kopftypen werden kopiert und umgebildet
  • Urbilder waren vermutlich zentrale Bildnisstatuen in der Hauptstadt → stehen für gültige Herrscherauffassung
  • Anlässe für Erstellung eines neuen Bildnistyps: bedeutende Ereignisse (Herrschaftsantritt, Siege, Jubiläen etc.), aber auch zu weniger wichtigen Anlässen
  • offensichtlich keine umfassende Planung und Organisation der bildlichen Repräsentation
  • öffentliche Kaiserdenkmäler: in der Regel Ehrungen von Seiten des Senats, des Volks, von Städten, Privatpersonen usw.
  • Verbreitung im Reich durch Kopieren ins Reich exportierter Erstkopien, die weiter kopiert werden → dabei werden die Typen den jeweiligen Bedürfnissen angepaßt
  • 2 Fragestellungen der Forschung:
    • 1. Frage nach dem Urbild eines Typs: Untersuchung der Kopien nach Nähen zum Prototyp zum Zwecke einer Rekonstruktion des Urtyps (Suche nach Herrscherwillen)
    • 2. Untersuchung der Kopien im Hinblick auf ihre Abweichungen vom Urtyp (Spiegel der Rezeption und Akzeptanz des Kaisers)

Bildnistypen des Augustus

  • einerseits Prägung fester Bildnistypen, andererseits variierende Verbreitung
  • über 250 erhaltene Bildnisse folgen im Prinzip 3 Typen
  • Zugehörigkeit ist am Schema der Stirnlocken zu erkennen
  • Octavian-Typus
    • Repliken: Florenz und Alcudia
    • locker geworfene Frisur mit 3 schrägen Strähnen über der Stirnmitte (heraldisch rechts eine Zange, heraldisch links eine Gabel)
    • jugendliche und sensible Gesichtszüge
    • früher Actium-Typus genannt (wg. der Ähnlichkeit mit dem Bildnis auf Münzen nach der Schlacht von Actium) – vermutlich schon um 40 v. Chr. entstanden
  • Prima Porta-Typus (Haupttypus)
    • Repliken: Augustus von Prima Porta und Kopenhagen
    • eine Sichellocke über der Stirnmitte, die mit den benachbarten Strähnen eine Gabel bzw. Zange bildet
    • breiteres Gesicht, beruhigte Mimik, größere Wölbungen in Stirn und Wangen
    • scharfkantige Brauen und Mund
    • Wiederaufnahme von Stilformen der griechischen Klassik (Bildhauer Polyklet)
    • vermutlich bald nach dem Sieg bei Actium entstanden, möglicherweise anläßlich des Triumphes 29 v. Chr. oder zur Verleihung des Augustus-Titels 27 v. Chr.
    • neue Auffassung: alterslose Erhabenheit, gravitas und sanctitas
  • Typus Forbes
    • Repliken: Louvre und Boston
    • Strähnen sind von der linken Stirnecke nach rechts gestrichen
    • schmalere und sanft bewegte Gesichtszüge
    • umstrittene Entstehungszeit (Terminus ante quem: Benutzung an der Ara Pacis, 13–9 v. Chr.)
  • Typen spiegeln ideologische Veränderungen wider
  • parallele Weiterbenutzung der Typen bis Augustus Tod

Statuentypen und Attribute

  • Kombination der Typen mit unterschiedlichen Statuenkörpern: capite velato zur Darstellung priesterlicher Funktionen, mit dem paludamentum als Kriegsherr, auf einer Reiterstatue etc.
  • oft auch ideale Typen mit Orientierung an griechischen Vorbildern: nackter Körper als Steigerung des Ideals der männlichen Tugend
  • weitere Steigerung durch Götter-Attribute (Blitz und Szepter, Globus), aber: keine Vergöttlichung, sondern Vorstellung von Machtfülle, die der des Iuppiter gleicht
  • corona civica an erster Stelle der Kaiserattribute (seit ausgehender Republik Zeichen für den leitenden Staatsmann, später fast exklusive Auszeichnung des Kaisers)

Historische Veränderung

  • starke Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte (handwerklicher Stil und vor allem inhaltliche Botschaften
  • Bildnis des Herrschers wird zum "Zeitgesicht" (Haarmode und Habitus dient als Vorbild für Privatportraits)
  • Augustus, Tiberius und Caligula
    • ruhige Formen und Erhabenheit, fast religiöse Aura
    • klassische Formen als Ausdruck eines hochstilisierten politischen Habitus
  • Claudius
    • grundsätzlich nach Muster des Augustus
    • weicher bewegtes, wirklichkeitsnäheres Gesicht, deutlichere Kennzeichen des Alters
    • mehr persönliche Charakterzüge, Individualität als Gegenstand öffentlicher Verehrung
  • Nero
    • Grundtypus der Dynastie
    • spätere Typen: neue, realistischere Auffassung: breiteres Gesicht mit kunstvoll frisiertem Kranz von Sichellocken
    • Abkehr vom bisherigen Kaiserideal: Präsentation als Herrscher mit üppiger Lebensfülle nach hellenistischem Stil
  • Vespasian
    • ungeschminkt realistische Darstellung mit Glatze, Falten und schmalen Lippen
    • Herrscher aus unbedeutender Familie; ein Mensch unter Menschen
    • Nähe zu Bildnissen der späten Republik
  • Traian
    • frei von klassizistischer Stilisierung
    • zielgerichteter Blick unter dachartigen Brauen, zusammengepreßter Mund → Härte und Energie
    • einfache Strähnenfrisur
    • Bildnis des entschlossenen Kriegsherrn
  • Hadrian bis Septimius Severus
    • völlig neues Herrscherbild ohne Vorstufe
    • Barttracht (→ Tracht der Philosophen und Gebildeten) und Lockenhaar
    • Neuerung: eingeritzte Pupillen und der Iris
    • griechisch aufgeklärtes Herrscherideal; stärkere Integration des östlichen Reichsteils
  • Marc Aurel
    • Anschluß an das antoninische Herrscherideal
    • früher Bildnistyp allerdings: kurzes Haar und Soldatentracht
    • stärkere Kontraste bei Marmortechnik und Stil (Bohrungen für Haare und Bart, "spätantoninischer Stilwandel" lt. Rodenwaldt)
  • Caracalla
    • Kurzhaarfrisur, energisch kontrahierte Stirn und abrupter Kopfwendung → Herrscher, der sich auf das Heer stützt
    • wieder plastischere Substanz
  • Maximinus Thrax
    • Physiognomie des Soldatenkaisers: kurz geschorene Haare, oberflächliche Einritzungen für Haare, harte Gesichtszüge
    • Darstellung des sorgenvollen Einsatzes für den Staat
  • Gallien
    • Anschluß an ältere Tradition der Bildnisse
    • Zangen- und Gabelmotive des Augustus, später lange Locken in Anlehnung an Alexander den Großen
    • wieder weichere, entspannte Züge
    • "gallienische Renaissance" → klassische Bildung Galliens (umstritten)
  • Diocletian und die anderen Tetrarchen
    • Abkehr von der individuellen Erfassung persönlicher Physiognomien
    • in Gruppenbildnissen sind die Kaiser kaum zu unterscheiden → programmatische Einheit der Herrscher und Entindividualisierung des Menschen der Spätantike
  • Constantin der Große
    • Anschluß an frühe Kaiserzeit, bes. Traian (rasierte Wangen, Sichellocken)
    • Kolossalstatue: entindividualisierte Gesichtszüge, übernatürlich geweiteter Blick, abstrakte Formen der Brauen und Haare → überpersönliche majestätische Wirkung

 

zur Ergänzung:

Rocca, Eugenio la, Die Kapitolinischen Museen Rom (Praktische Führer 5) Milano 1986 S. 23–30.

  • spätrepublikanische und kaiserzeitliche Porträts: griechisch-hellenistischer Nährboden
  • Ausgangspunkt: Porträt Alexanders des Großen, der sich nach verschiedenen Schemata darstellen ließ (Held, Feldherr, Philosoph etc.)
  • hellenistisches Porträt nach Alexander: Vereinigung von betontem Realismus und idealisierten Formen nach klassischem Muster
  • Übergang Republik–Kaiserzeit: Nachahmung hellenistischer Herrscher:
    • streng realistische Gesichtszüge + stark pathetische Gesamtstruktur
    • breite, wirre Strähnen,
    • zur Seite gewandter Kopf
    • Licht-Schatten-Effekte (z. B. Actium-Typus des Augustus)
    • Ara-Pacis-Typus (Variante des Prima-Porta-Typus): ruhig und ausgeglichen
  • julisch-claudische Familie
    • vermeidet pathetische Porträts hellenistischer Prägung
    • Bevorzugung einer realistischen Physiognomie und klassischer Ausgewogenheit
    • Frauen zeigen erst seit den Bildern der Livia ein wenig charakteristische Physiognomie (Ausnahme: Haartracht)
    • seit spätclaudischer Zeit: weibliche Porträts der Aristokraten passen sich an gemilderten Realismus der männlichen Porträts an
    • stärker Idealisierung bei Frauen der spätneronischen und flavischen Zeit (komplizierte Frisuren)
  • flavische Familie bevorzugt den Realismus (→ Heer als Stütze)
  • Hadrian trägt als erster Kaiser einen Vollbart (zieht sich bis zu den Tetrarchen)
  • Bart: ermöglicht malerische Effekte auf dem Marmor, kontrastreiche Zonen wechseln mit glattem Marmor
  • ab Antoninus Pius: Ideal des Philosophenkaisers, auf dem schwere Pflichten lasten
  • bei den Frauen: Tendenzen zu weicheren Formen
  • seit Ende des 2. Jhs. n. Chr.: fortschreitende Wandlung von Licht-Schatten-Effekten zu kompakterer Plastizität; melancholischer Blick wird zu leerem Blick
  • gleiche Merkmale bei den Frauen (Ausnahme: es werden Perücken getragen, die teilweise je nach Mode ausgetauscht werden können)

 

Fittschen, Klaus, Zur Entstehung und Funktion röm. Kaiserbildnisse, in: Werner Eck u. a. (Hrsg.), Kaisersaal. Porträts aus den Kapitolinischen Museen, Rom 1986, S. 19 - 24

  • große Zahl – nur wenige erhalten (meist Marmor)
  • keine Einzelschöpfungen → Bildnistypen (aber: noch keine gefunden)
  • vielleicht Hofbildhauer, Kaiser stand wohl nicht immer Modell
  • kein Künstler namentlich bekannt (→ Stellung der Künstler)
  • Vorbilder für die einzelnen Künstler vermutlich Gipsabgüsse - indiv. Gestaltung
  • nur Porträtköpfe – Statue wurde hinzugefügt
  • schnelle Arbeiten (viele Büsten auch bei kurzer Regierungszeit)
  • Problem bei mehreren ähnlichen Bildnistypen
  • Bildnistypen mit unterschiedlichen Aussagen (z. B. Augustus: Octavians-Typ, Principats/Prima Porta-Typ, Saecular-/Aura aetas-Typ)
  • häufig müssen die Lockenmotive zur Identifikation gezählt werden
  • Kaiserinnen oft als segensspendende Gottheiten dargestellt
  • bürgerliche Porträts → oft enge Anlehnung an Kaiserbildnisse (Loyalität), aber auch gegenseitige Beeinflussung